1985 scheinen die Würfel für eine atomare Wiederaufbereitungsanlage
in Wackersdorf gefallen zu sein. Die Biologiestudentin Anna Ferstl wehrt
sich, wie die meisten Oberpfälzer, gegen die Zerstörung der
Umwelt vor ihrer Haustüre. Zusammen mit ihrem Bekannten Tom ist
sie in einer Bürgerinitiative aktiv. Tom hat ein Auge auf Anna geworfen.
Aber Anna verliebt sich in den geheimnisvollen Robert, der teils als
Linksliberaler, teils als gewalttätiger Autonomer auftritt – und
noch in einem ganz anderen Zusammenhang in die Geschehnisse verwickelt
zu sein scheint… Eine packende Liebesgeschichte und ein gründlich recherchiertes
Zeitdokument zwischen Bauzaun und Bon Jovi, zwischen Parkas, Stoppt-Strauß-Plaketten
und Zauberwürfeln…
Leseprobe An die hunderttausend Personen waren am Ostermontag in Wackersdorf versammelt;
Anna hatte noch nie eine so große Menschenmenge live gesehen. Den
ganzen vorigen Tag waren sie im Infobüro mit den Transparenten beschäftigt
gewesen: Stoppt den WAAhnsinn, Lasst uns leben – keine WAA
Wackersdorf, Ihr baut das Grab für unsere Kinder, verziert
mit schwarzgelben Nuklear-Symbolen. Die Leinenbahnen waren an Stöcken
befestigt und auf Dauer ziemlich schwer. Annas Hände schmerzten.
Sie hielt kurz an und knöpfte sich die Jacke auf.
»Komm, lass mich mal.« Tom löste sie ab.
»
Wir hätten beschriebene Schilder mitnehmen sollen«, maulte Anna. »Die
wären praktischer gewesen.«
Sie wurden vom Strom der Menge weitergeschoben.
In der Ferne konnte Anna den Stacheldrahtzaun erkennen. Auch das Aufgebot der
Gegenseite war riesig, die Polizisten trugen weiße Helme und Schutzschilde,
es sah unwirklich aus – Anna musste an Krieg der Sterne denken.
»
Ach, die Bundesgrenzschützen sind auch schon da«, kommentierte
Tom und zwinkerte Anna zu. Als sie die langen Schlagstöcke
bemerkte, wollte sie gleich wieder umkehren, sie verabscheute Gewalt.
Gleichzeitig übte das Szenario, das sich vor ihr zusammenbraute,
einen Sog auf sie aus, dem sie sich nicht entziehen konnte.
Sanne, Humphy, Johanna, Gitti, Mike, Sepp und Hans von der Bürgerinitiative
liefen mit starren Blicken geradeaus. In der Ferne gerieten Polizei und Demonstranten
aneinander; eine Handvoll Vermummter machte sich am Bauzaun zu schaffen und
sägte an den Gitterstäben.
Tom warf seine hellblonden Haare in den Nacken. Anna sinnierte, dass sich Paula
immer noch nicht von der Trennung erholt hatte. Tom zieht in die Schlacht,
dachte Anna übergangslos. Wir alle ziehen in die Schlacht. Und
sie war mittendrin, es half nicht, dass sie sich diesen Tag anders vorgestellt
hatte. Sprechchöre wurden laut, angestimmt vom rhythmischen Geheul der
Trillerpfeifen: Maxhütte ja – WAA nein. Eine Lautsprecherstimme
schallte über das Gelände: »Gehen Sie vom Zaun weg. Wir müssen
sonst Wasser gegen Sie einsetzen.«
Der Zug hielt an, dicht an dicht standen sie in der Menge. Wenig später
bewegte sich hinter dem Bauzaun etwas. Anna stellte sich auf die Zehenspitzen
und konnte panzerähnliche Fahrzeuge ausmachen, die mit einem länglichen
Rohr auf dem Dach ausgestattet waren – es sah gefährlich aus.
»
Was ist das?«
Abrupt setzten die Wasserwerfer ein, ein Aufschrei ging durch die Menge, in
den vorderen Reihen brach Panik aus. Ein beißender Geruch wehte herüber;
Annas Augen juckten, dann fingen sie an zu tränen.
»
Gas!«, rief Tom. »Die setzen Kampfgas ein!«
Sie suchten hinter ihrem Transparent Schutz. Direkt in der Nähe riss ein
Wasserwerfer eine Gruppe Leute um. Annas Puls raste, sie schaute mit Entsetzen
auf ein paar junge Männer, die ihre Hände vors Gesicht schlugen und
aufschrien. Das Gelände um den Bauzaun glich einem Schlachtfeld. In kürzester
Zeit bildeten sich weißliche Schaumberge; die Getroffenen waren mit einer
Schicht überzogen, die groteskerweise aussah wie Kunstschnee für
Weihnachtsbäume. Anna drückte sich ihr Palästinensertuch vor
die Nase. Das Gas hing in dicken gelblichen Schwaden im Wald; sie würde
den Geruch nie vergessen.
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